Prof. Klaus Berger im WA-Forum / Dieser Mann ist das Evangelium

Wolnzach (ted) 160 Vorträge und fünf Bücher – das durchschnittliche Jahreswerk des seit 2006 emeritierten Professors für das Neue Testament – bezeugen den Fleiß, aber auch die Fachkompetenz Bergers. Er kennt auswendig jede Bibelstelle, übersetzte das Neue Testament aus den Urtexten neu, sammelte alle verfügbaren Evangelien zu einer eigenen Ausgabe, rekonstruierte den historischen Jesus aus den Evangelien und seinem immensen Wissen um die Zeit ihrer Entstehung, übersetzte die Qumram-Rollen als Kenner ihrer Schrift und der historischen Sprachen Palästinas (Aramäisch, Hebräisch, Griechisch, Latein) und weiß um alle Bibeldiskussionen. So wartet auf seinem Schreibtisch in Heidelberg schon ein neu entdecktes Evangelium, das des „Judas“, und die Fachwelt will seine Authenzität von Berger wissen.

Auf Einladung des WOLNZACHER ANZEIGERS ging der Theologe am Donnerstagabend im Wolnzacher Hopfenmuseum auf mögliche Widersprüche der Evangelien ein. Zusätzlich durften die rund 140 Zuhörer Fragen zur Bibel und Jesus stellen, die sie bewegten. Als Talkshow begann der Abend und endete nach zwei Stunden mit einer Serie von Publikumsfragen und persönlichen Unterhaltungen. Die Zuhörer waren von dem Abend begeistert und eine Abstimmung am Ende ergab eine überwältigende Mehrheit für eine Fortsetzung des WA-Dialogs mit Berger, die der Professor auch wünscht, vielleicht dann auch mit dem örtlichen Pfarrer.



Journalisten prägten neue Jesu-Theorien
Es wuchs auch die Sensibilität für neue Sensationstheorien, wie z.B. britisch-amerikanischer Forscher, die Jesus vor seinem öffentlichen Wirken in Ägypten und Indien leben ließen. Berger: „Das ist die Wiederauflage einer genialen Fiktion eines englischen Journalisten aus dem 19. Jahrhundert, eine Postkarten-Story“. Die Indienthese finde sich auch im Buch „Der verfälschte Jesus“ und sei unhaltbar, da sich in allen verfügbaren zeitnahen Quellen kein einziger Hinweis darauf ergibt. Solche Theorien verunsicherten aber die Menschen gründlich und beschädigten die Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments, dessen Verfasser damals mit dem Leben bedroht waren für ihre Darstellungen.

Aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stamme auch der vermeintliche Irrtum, er käme nach seinem Tod nach kurzer Zeit wieder, um den Jüngsten Tag zu bringen. Es gab schon immer Nahzeit-Erwartungen, doch bei richtigem Verständnis des Neuen Testaments meinten diese Stellen das Gottesreich, das auch heute nach Berger noch so nah ist, wie die Alpen bei Föhn von München gut zu sehen seien.

Im Zweifel für die Darstellung der Evangelien
Berger sieht auch keinen Widerspruch der Kindheitsgeschichte Jesu bei Mat-thäus (Flucht nach Ägypten) und Lukas (Beschneidungsszene im Tempel): Es hätte doch beides möglich sein können. Die „Heiligen Könige“ waren aber nur Magier. Der Grund für die Reise nach Bethlehem war eine Steuererhebung für Grundbesitzer und keine Volkszählung. Dass Josefs Stammbaum bei Matthäus und Lukas angeführt wird, obwohl er ja nach der Schrift nicht leibhaftiger Vater gewesen sei, fuße auf dem damaligen juristischen Verständnis, dass der legale Vater maßgeblich sei, wobei die beiden Stammbäume voneinander abweichen, also vielleicht Lukas doch Marias Stammbau zitierte.

Nach der Möglichkeit der jungfräulichen Geburt lag die Frage nach den Wundern Jesu nahe. Berger möchte davon keines einfach so übergehen. Wenn wir sie nicht medizinisch-psychologisch erklären können, müssten sie nicht gestrichen werden, sondern unser Weltbild sollte so offen sein, dass sie möglich gewesen wären. Schließlich gäbe es heute auch unerklärliche Heilungen, wie z.B. bei einem Bekannten Bergers Leukämie im Endstadium völlig verschwunden sei in Zusammenhang mit einem religiösen Erlebnis. Berger: „Das mit den Wunder ist für uns rationale Menschen wie eine Küchenreibe auf unserer Haut“. Doch sie sollten ja ein Gottesbeweis sein. Sobald sie erklärbar wären, würden sie banal. Sie sind sicherlich nicht frei erfunden worden, allerdings bestand erheblicher Interpretationsspielraum bzw. sind sie von unterschiedlichen Entwicklungen der Erzähltradition der Christengemeinden geprägt.



Auslegungsspielraum doch sehr breit
So seien die Erweckung Lazarus vom Tode im Johannesevangelium (11) und die Diskussion über die Rückkehr des Lazarus aus Abrahams Schoß bei Lukas (16,27) die gleiche Geschichte. Es spräche gerade für die Authenzität der Evangelien und Überzeugtheit der Evangelisten von ihrer Version, wenn gleiche Sachverhalte etwas unterschiedlich dargestellt würden. Wären Passagen gleich, dann hätte es man nötig gehalten, abzuschreiben, weil es dem Verfasser unbekannt oder vage war oder weil „sauber gelogen“ werden musste.

Dass die letzten Worte Jesu am Kreuz bei allen vier Evangelisten unterschiedlich sind, komme aus dem Verständnis der Autoren, in einem Satz das Lebenswerk Jesu zusammenfassen zu wollen. Keines sei authentisch. Berger: „Das letzte Wort Jesus war vermutlich ein Schrei.“ Doch die Evangelisten hätten ein sehr intelligentes Gesamtwerk geleistet, jeder eine große Biografie mit klarer Gliederung. Ob sie es selbst schrieben oder ihre gebildeten Sklaven, sei dahingestellt. So hätten alle frühen Evangelien sowieso keine Verfassernamen. Die Datierung von Markus, Lukas und Johannes sowie der Apostelgeschichte läge vor 70 n. Chr. Matthäus könnte auch etwas später geschrieben sein – es sei nicht der Apostel gewesen, ebenso wenig wie bei Johannes, wobei die Geheime Offenbarung wieder einen anderen Verfasser als den Evangelisten habe.

Jesus mit Vollbart und Grusskuss der 1. Christen
Als Nasoräer sei Jesus bis zum Tode vollbärtig gewesen. Sein Haar wäre nie geschnitten worden. Das Trinken von Wein wich dabei nicht von der asketischen Grundlinie ab – ein Zeichen des „Bräutigams“, der „Hochzeit“ vor dem Tode. An einem nachempfundenen realen Bild von Jesus arbeitet Berger schon seit langer Zeit, ohne zu einem Ende zu kommen. Das Wort Jesus heißt übersetzt „Heiland“. Für Überraschung sorgte Bergers Eingehen auf frühchristliche Gesten: So der Kuss auf den Mund zwischen allen Frühchristen als Zeichen des brüderlichen Grußes und das Anhauchen, um den Heiligen Geist zu übertragen. Am Tische seien auch die Israeliten mehr gelegen als gesessen. Leonardo da Vincis Darstellung des Abendmahls ist also falsch. Berger schloss auch alle Mutmaßungen Dan Browns aus, wie Kinder Jesu mit Maria Magdalena: „Dagegen spricht die ungewöhnlich große Kinderliebe Jesus. Bei eigenen hätte er die anderen nicht mehr so hoch bewertet.“ Das Zölibat war damals bei jüdischen Rabbi nichts Ungewöhnliches. Sie wären mit der Thora verheiratet gewesen, dem Alten Testament.



Er will in absehbarer Zeit wieder kommen
Interessant waren auch Begleitinformationen Bergers. So dachten die nicht-christlichen Juden, ihre Schuld an Jesu Tod sei gesühnt durch die Zerstörung des Tempels im Jahre 70. Gerade viele Zeitumstände und Symboliken der Sprache der Evangelien sind heute nicht mehr geläufig. Hier soll ein weiterer Abend mit Klaus Berger ansetzen. Aus dem Publikum kam der Wunsch, sich die Briefe Paulus vorzunehmen (die echten) und Berger selbst würde gerne die Geheime Offenbarung bringen, in die das Denkgut des Orients voll aufging.
Überzeugend ist Berger, weil sein Wissen so groß ist und all die vielen Komponenten die Bibel eher bestärken als widerlegen. Er kann als Evangelist unserer Zeit bewertet werden, wirkt glaubensstiftend, ja seine Horizonterweiterung kann süchtig machen.