Ingolstadt – Träume in der "Blauen Stunde"

Die „Blaue Stunde“ setzt eine Stadt in ein besonderes Licht. In der Fotografie bezeichnet sie die spezielle Technik, die die kurze Zeit der Dämmerung von Sonnenuntergang zu Dunkelheit nutzt, in der natürliche Kontraste verschwimmen, künstliche Akzente der Beleuchtung aber umso deutlicher hervorstechen. Mit den Bildern Ingolstadts in der Blauen Stunde ist eine traumhafte Sammlung entstanden, die kein romantisches, aber ein oft poetisches Stadtbild aufzeigt.



Ingolstadt ist eine Stadt in Bewegung, eine Stadt der Baustellen und Kräne, eine Stadt folglich, in der sich etwas ändert. Das ist nicht jedem recht. Ein wenig gibt es da diese Mentalität, die fordert: wir müssen mit der Zeit gehen, aber es darf sich nichts ändern. Manche wollen in ihrem seit Kindertagen vertrauten Rahmen einfach nur „dahoam“ sein. Andererseits ist Ingolstadt die am schnellsten wachsende große Stadt in Deutschland. Typisch dafür ist die junge Ingenieursfamilie, die mit zwei, drei schulpflichtigen Kindern oder Jugendlichen zuzieht und deren Ideal davon, was eine Stadt zu bieten hat, einem anderen Vorstellungskreis von Urbanität und Modernität zustrebt. Diesem Spagat zwischen Lebenswelten und Erwartungen muss die Stadt versuchen gerecht zu werden.

Ihre ungeheure Vitalität und Anziehungskraft verdankt sie dabei auch der Tatsache, dass sie – unter allen deutschen Großstädten – die geringste Arbeitslosigkeit, oder anders formuliert: Vollbeschäftigung hat. Dass in Ingolstadt nahezu allenthalben gebaut wird, derzeit ein Kongresszentrum, ein Schlosshotel, Schulen, ein Sporthallenbad – um eine zwangsläufig unvollständige Aufzählung zu beginnen, weil immer neue Baustellen entstehen –, zeigt auch, dass
etwas vorangeht in dieser Stadt.



Ingolstadt hat in jüngerer Zeit einen langen Weg von der Garnisons- und Militärstadt über das Raffineriezentrum für Süddeutschland zur modernen Boomtown zurückgelegt. Ein Titel, den die Stadt übrigens von der Süddeutschen Zeitung verpasst bekam, die dann später dazu schrieb: „Ein Ehrentitel, den sich die Stadt, wenn sie eine Person wäre, gewiss stolz auf die Visitenkarte schreiben würde.“ Die jüngste Zielrichtung ist die „smarte Stadt“, ein Begriff der Stadtentwicklung, der meint, die neuesten technologischen Entwicklungen – etwa pilotiertes Fahren und Parken, intelligente Steuertechniken also – einzusetzen und für die Bürgerinnen und Bürger nutzbar zu machen. Aspekte des aktuellen Ingolstadt sind die Erweiterung der Technischen Hochschule, das Forschungsinstitut Carissma zur Fahrzeugsicherheit, die Audi-Akademie
zur Mitarbeiterfortbildung, die Donauterrasse am nördlichen Ufer. Am südlichen Ufer liegt der „Brückenkopf“ mit
den nüchternen Militärbauten im klassizistischen Stil. Ästhetik und Eleganz des Klenzeparks, wo 1992 die Landesgartenschau stattfand, die irgendwie Ingolstadts Erwachen aus einem längeren Dornröschenschlaf markierte, korrespondieren miteinander.



Erst 1989 hat Ingolstadt die 100.000-Einwohnermarke überschritten – und in 25 Jahren mit 30.000 zusätzlichen Einwohnern eine kleine Mittelstadt zu integrieren gehabt. Irgendwie vermengen sich in dieser Stadt überall Geschichte und Moderne. Das neue Museum für Konkrete Kunst (und künftig Design) entsteht in einer ehemaligen Kanonengießerei-Halle, die an die Königlich Bayerische Geschützgießerei und Geschossfabrik erinnert. Das Deutsche Medizinhistorische Museum, das in der Alten Anatomie, dem ehemals naturwissenschaftlichen Demonstrations- und Lehrgebäude der Ersten Bayerischen Landesuniversität, residiert, erhält einen ultra-modernen Anbau. Auf den neuen Donauterrassen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Neuen Schloss mit seinem Bayerischen Armeemuseum kann man nachsinnen, wie von hier aus 1632 eine Kanonenkugel abgefeuert wurde, die auf dem halben Weg zum heutigen Hauptbahnhof dem Schwedenkönig Gustav Adolf seinen Schimmel unter dem Leibe wegschoss.



Ingolstadt hat im Laufe der Jahrhunderte immer eine Rolle gespielt, die über die Lokalgeschichte hinaus Eindruck machte. Da war die Zeit als souveränes Herzogtum, als Stephan der Kneißl seine Tochter Elisabeth an den König von Frankreich verheiratete und sein Sohn Ludwig am Hofe seiner Schwester Isabeau de Bavière zu Paris lebte. Als er, dadurch reich geworden, zurückkam, baute er im Osten der Stadt das Neue Schloss, im Westen das gewaltige Münster, in dessen Schlagschatten das Pfründnerhaus und setzte so wesentliche städtebauliche Akzente, die das Gesicht der Stadt bis heute prägen.

Gerd Treffer