Sizilien – Rückblick auf superlative Baukultur

 

>>> Bericht als PDF


Als im Anflug auf Catania sonnengeflutete Liparische Inseln samt Vulkan Stromboli unter uns lagen und dann der Ätna auf Augenhöhe eine ungewohnte Schneespitze trug, wussten die 21 Teilnehmer der Leserreise 2012 vom 28. bis 31. 3., dass auf sie ein Land wartete, das sich von seiner schönsten Seite zeigen wollte. Eine Insel im grünen Frühjahrskleid bei ständigem Sonnenschein und dennoch erträglichen Temperaturen, weit vor den Tourismusströmen, aber dennoch schon alles geöffnet: griechische Tempel, römische Villen und Theater, Burgen der Sarazenen, Normannen und Staufer, prunkvolle Kirchen bis in den Barock und Klassizismus.

Ab dem 17. Jahrhundert fiel das Land unter spanischer und französischer Herrschaft in einen wirtschaftlichen Dornröschen-Schlaf, der erst weit nach dem Anschluss zu einem unabhängigen Italien mit reinen Tourismus-Bauten wie Flughäfen, Autobahnen, Hotels und Restaurants zu Ende ging. Vieles wurde ausgegraben, doch die Restaurierungen gehen langsam voran. Wirtschaftlich herrschen „griechische Verhältnisse“, weshalb wenig Geld unkontrolliert ins Land fließt. Und da ersetzt immer noch die Mafia die Staatsgewalt. Für den Touristen unbemerkt hinter der Alltagsfassade.

Auch die Mafia lebt vom Tourismus wie das ganze Land. Dazu kommen Citrusfrüchte – der Orangensaft im Hotel war frischgepresst –, und andere Landwirtschaftsprodukte wie Hartweizen und Fisch. Diese Fruchtbarkeit des Landes erklärt den Reichtum von phönizischer Zeit bis ins späte Mittelalter, als die Landwirtschaft die Grundlage der Zivilisation darstellte. So wurde auch immer um diesen Reichtum gekämpft wie zwischen Karthagern und Griechen, dann usurpierten die Römer die Kornkammer, auch die Vandalen plünderten, bevor die Araber einfielen, um von den Normannen entmachtet zu werden. Die Staufer hatten nur eingeheiratet. Sizilien fiel an Friedrich II. deshalb kampflos. Dieser deutsche Kaiser herrschte am liebsten in Sizilien und Süditalien. Zusammen mit seinem Großvater, Rüdiger II., ist er im Dom Palermos begraben – in beeindruckenden Marmorsarkophagen.

Am Flughafen wartete schon Reiseführer Silvio (Giuseppe Mario) auf uns, brachte uns zum großen Reisebus, der exklusiv uns die ganzen zweieinhalb Tage zur Verfügung stand mit verkehrserprobten Fahrern. 1300 km sollten darin zurückgelegt werden. Die Insel wurde also vier Mal durchquert. Ein so dichtes Programm bestand noch bei keiner Leserreise von Wohnung & Haus. Doch die Teilnehmer kannten sich größtenteils und nahmen die Fahrtlängen sehr gelassen. Schließlich zeigte sich eine abwechslungsreiche Landschaft, von Schnee bedeckten Bergen bis zu Meeresbuchten – in einem warmen Frühlingslicht, das den grünen Hügeln sehr viel Kontur verlieh.

Auf dem Weg zum Hotel zeigte uns Silvio schon Taormina, eine romantische mittelalterliche Stadt hoch auf dem Berg mit traumhaftem Meerblick. Die Flaniermeile (der Touristen) ist gefüllt mit edlen Geschäften, kreativen Eiskünstlern, Kirchen und Restaurants. Ohne Touristen zeigt Taormina seine verspielten Reize. Lediglich das griechische, später römische Theater war pünktlich um 17 Uhr geschlossen worden. Unser Hotel Olimpo am Fuße der Stadt offenbarte sich auch als Höhenereignis. Mit Aufzug und Bahn gelangten wir zur Rezeption. Am Morgen warteten traumhafte Sonnenaufgänge auf uns – dank des frühen Aufbruchs um viertel vor acht bzw. fünf (zum Abflug). Das Abendessen zeigte sich als großes Buffet im noch größeren Speisesaal. Der sizilianische Wein dazu überraschte in seiner Qualität. Die nächsten zwei Abende sollten wir dort die letzten Gäste sein, was die Reisegruppe zusammenband. Das Personal zeigte sich hilfsbereit. Den Swimmingpool im Haus aber sahen wir nie.

Am nächsten Tag zeigte die spätrömische Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina, welchen hohen Lebensstil mächtige Bürger um 300 n. Chr. auf Sizilien genossen. 3500 qm mit Bodenmosaiken, herrliche Innenhöfe mit mächtigen Säulen. Nur ein kleiner Teil kann wegen der laufenden Restaurierungsarbeiten besichtigt werden. Immerhin fielen die berühmten Bikini-Mädchen darunter. Oder sah so die Unterwäsche der Antike aus? Die 10 Mädchen wurden erst später auf einen fertigen Ornamentboden als Zweitboden aufgetragen. Noch immer wird gerätselt, ob ein römischer Kaiser als Hausherr fungierte. Doch ein Reiseteilnehmer analysierte dies ins Reich der Tourismusträume. Es war ein reicher Händler, der Nordafrika für Rom als Nachschubbasis pflegte.

Das Tal der Tempel mit fünf griechischen Tempeln bei Agrigent offenbarte die Mächtigkeit der Antike auf Sizilien. Annaliesa, Reiseführerin vor Ort, sprach ebenfalls akzentfreies Deutsch wie Silvio – alles Reimporte aus Deutschland mit sizilianischen Wurzeln. So erfuhren wir sehr viele Details über antikes und neuzeitliches Leben auf Sizilien, über Heirat und verschwundene Fördergelder. Einmal musste der gesamte Transitverkehr rund 30 km umfahren, weil der Bürgermeister das Geld für den Straßenbau veruntreute – er wollte seinen Posten aber bis heute nicht abgeben.

Annaliesa erklärte uns die Bauphysik dorischer Tempel, den illusionären Baustil und Details des Innenlebens auf einer Wegstrecke von eineinhalb Kilometern. Dazwischen christliche Friedhöfe aus dem 6. Jahrhundert.

Der Tod kommt in Sizilien nie zu kurz. So beeindruckten am nächsten Tag die Mumien des Kapuzinerklosters von Palermo. Die letzte, ein zweijähriges Mädchen, wurde vor rund 80 Jahren aufgebahrt und scheint immer noch, wie wenn sie gerade entschlafen wäre. Ein Glassarkophag schützt sie vor Mikroben der Gegenwart. Voraus ging eine ausführliche Besichtigung des Doms von Monthreale rund 10 km außerhalb der Stadt und des Kreuzgangs. Die vom Normannenkönig Rüdiger I. erbaute Kirche ist vollständig mit Goldmosaiken verziert und gilt als schönstes Gotteshaus der Welt seit dem 11. Jahrhundert. Parallelen zum Markusdom in Venedig sind unübersehbar. Doch auf Sizilien fertigten viele arabische Künstler an Spitzbogen und Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament mit. So entstand ein eigener Baustil, der bis heute bezaubert. Keine einzige der 228 Säulen im Kreuzgang des angegliederten Benediktiner-Klosters wiederholt sich.

Zahlensymbolik und Motive erklärte Spezialreiseführerin Claudia.Nach der Besichtigung der Kathe-drale in der Mitte der Altstadt Palermos mit den Sarkophagen der Herrscher wie Friedrich II. – der Rest der mittelalterlichen Kirche fiel einem Umbau im 17. Jahrhundert im Stil des Petersdoms zum Opfer – hatte uns Silvio ein typisches sizilianisches Restaurant ausgesucht für das ausgiebige Mittagessen – ohne Touristen. Am Tag davor war dies am Strand von Realmonte gescheitert. Schon drei Busse waren vor uns beim „Geheimtipp“ mit Meerblick angekommen. Doch im „Al Casato de Ventimiglia“ in der Via del Bastionen No. 22 erfuhr die Sizilienreise 2012 einen kulinarischen Höhe- und Endpunkt. Auf einer Insel, die sich auch heute noch nicht als Italien begreift, sondern als schlummernde Eigennation der Sizilianer. Besuche erwünscht, Eingriffe in die Souveränität zwecklos. Einen Tag nach unserer Abreise brach der Ätna aus – eine Routineaktion.