Druckkultur Ausgabe 1/2011 erschienen

 

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Themen:
Die Drucktechnik der Zukunft
Bericht von den Hunkeler Innovation Days 2011
Konjunkturbericht der KASTNER AG

Die „intend card“ tritt ins Licht der Welt
Relaunch-Serie I: Welche Werbeplakate sind wirklich erfolgreich?
Print: Die Wiederentdeckung der Wertigkeit
Neuerscheinungen im verlagshaus kastner
Von Brancas Lebenswerk-Buch
Die Zeitschrift „artgerecht“
Einladung zur Wolnzacher Sommerakademie
Ausstellungen ab 20.5.2011:
Fridhelm Klein: Wasser – Raster – Strahlungen
Lois Hechenblaikner: Alpenrepublik II
Der Lettershop stellt sich vor
Neue Produkte der ContentServ GmbH
Die GAZETTE geht ins 7. Jahr
Wie die pib-Galerie junge Künstler fördert
Persönliches und Weihnachtliches

Die Drucktechnik der Zukunft

(ted) Sie heißt Rollen-Digitaldruck. Schon heute arbeiten in Spanien und Amerika Spezialisten in diesem Verfahren. Z.B. drucken sie Bücher für Verlage „on demand“, d.h. in kleinen Auflagen, so dass nur immer so viel hergestellt wird, als absehbar verkauft wird. Damit sinkt für die Verlage die Lagerhaltung und Vorfinanzierung drastisch. Schon über 100 000 Bücher liegen bei Publidisa in Sevilla auf den Rechnern, fertig aufbereitet, jederzeit abrufbar.
Derzeit entwickeln elf Hersteller diesen Rollen-Digitaldruck. Die Laufgeschwindigkeit erreicht bereits 250 m/Min. Das sind 200 000 A4-Seiten pro Stunde. Bei der Rollenbreite wird schon vereinzelt das III-B-Format angedacht und bald vorgestellt: eine Einlaufbreite von 72 cm. Das bedeutet dann 300 000 A4-Seiten pro Stunde. Hier geht den Hochleistungsbogenmaschinen dann die Puste im Wettbewerb aus.
Natürlich stehen noch viele Parameter zur Verbesserung an. Toner kommt in der Herstellung teurer als Tinte = „inkjet“. Die Feuchtigkeit der Tinte muss getrocknet werden. Doch heute lässt sich schon die Tinte so günstig produzieren wie Druckfarbe. Das ist der „Dammbruch“ der neuen Technik, die dann jede Auflage damit billiger herstellen kann als der Bogenakzidenzdruck. So muss nur noch an der Qualität gefeilt und weiter geforscht werden, um dem Bogenoffset völlig den Rang abzulaufen.
Doch der Rollen-Digitaldruck verzichtet nicht nur auf Druckplatten, Einrichtezeiten und Makulatur: auch der Drucker als Fachmann ist nicht mehr nötig. Die Prozesse sind so standardisiert, dass nur noch Wartungsspezialisten und Rollentransport-Hilfskräfte angesagt sind. Gesteuert wird die Anlage von der Vorstufe. So entfällt auch eine eigens geplottete „Blaupause“. Mit Auflage 1, der Domäne des Digitaldrucks, wird ein Vorabexemplar für den Kunden ausgedruckt – auf der Fortdruckmaschine, in der gleichen Qualität wie danach die ganze Auflage gefertigt wird.
Die Arbeitsweise des Digitaldrucks ist völlig unterschiedlich vom bisherigen Offsetdruckverfahren. Es werden nicht mehr die Bögen hintereinander in einer Auflage abgearbeitet, sondern immer nur 1 Exemplar mit allen Bögen komplett gedruckt, dann folgt das nächste. Deshalb gibt es eine kleine Auflage zum ebenso niedrigen Stückpreis wie eine große. Lediglich ein Papierwechsel wäre ein Fixkostenpunkt. Ansonsten bedingen die Maschinenleistung und der Preis der Maschine die Stückkostenunterschiede. Deshalb ist das Aufrüsten in der Leistung schon absehbar. Der Rollenoffsetdruck kann davon ein Lied singen: wie schnell kam die 32-Seiten-Rolle, dann auch die 64-Seiten-Maschine und heute werden schon 128-Seiten-Anlagen verkauft.
Aus dieser Herstellerecke ist auch viel Know-How vorhanden, das in kürzester Zeit im Rollen-Digitaldruck Eingang finden wird. Für die Offsetmaschinen-Hersteller geht es um das nackte Überleben. Gut, wer von ihnen auch Rollenmaschinen baut. So hat manroland eine Kooperation mit Océ (= Canon) verkündet. Für den weltgrößten Druckmaschinenanbieter Heidelberg hingegen sieht es sehr düster aus. Seine 60% Weltmarktanteil in 2010 werden sich bis 2020 in nichts auflösen – trotz der Kooperation mit Ricoh.
Rollenoffset freilich wird überleben, da diese Geschwindigkeiten physisch vom Rollen-Digitaldruck in absehbarer Zeit nicht erreicht werden können. Auch im Verpackungsdruck mit dicken Kartonagen lässt sich keine Rollenware verarbeiten. Grenzlastig zeigen sich ferner Präzisionsprodukte wie z.B. Beikost-Etiketten, bei denen der Schnitt im Bogen so exakt erfolgen muss, dass das Digitaldruckprinzip nicht ausgenutzt werden kann. Aber das bleibt Fachsimpeleien überlassen, wozu die Zukunft auch noch viele neue Details zeigen wird.
Zurück zum Hauptanwendungsfeld des Rollen-Digitaldrucks: dem Druck von Büchern, Katalogen, Loseblattwerken, Kalendern u.v.m. Hier kann sich die Weiterverarbeitung direkt an die Druckmaschine anschließen. So entstehen Buchlinien in Softcover- oder Hardcover-Manier. Die Zubringer von Umschlägen und Vorsatzpapieren könnten mit Bogen-Digitaldruck arbeiten. Alles von der EDV getaktet und mit Barcodes kontrolliert. Diese Fertigung setzt gewisse Standards voraus, muss aber nicht: Dank vollautomatischer Formatumstellung – alles vorprogrammiert – gelingt auch dies in Rekordzeit – und ohne Buchbinder. Ein Maschinen-Operateur genügt für mehrere Anlagen.
Dann bekommt der Kunde ein Buch o.ä. fertig verarbeitet auch schon mit Auflage 1 zur Kontrolle – innerhalb eines Tages. Gibt er sein „Frei zum Druck“, kommt er schnellstmöglich in die Anlage. Auch Teilauflagen sind so wirtschaftlich, dass jeder Ansturm in Spitzenzeiten bewältigt werden könnte. Bei der Sammelheftverarbeitung gibt es heute schon fertige „Online“-Anlagen. Auch die SigmaLine von Müller-Martini zur Buchherstellung zeigt in die Zukunft. So wird es ab 2020 Fotobücher unter 2 € geben. Abgesehen von Exoten wie großformatige Bücher des Verlags „Taschen“ könnten alle 80 000 Neuerscheinungen der Frankfurter Buchmesse von nur noch drei Anlagen in einer Woche gefertigt werden (wenn alles richtig ausgeklügelt ist). Für die Folgeauflagen freilich bräuchten wir dann schon wesentlich mehr Anlagen – was eben von den elektronischen Medien an Printbedarf überbleibt.

Konjunktur in Gefahr?

Natürlich schreiben die deutschen Medien lieber von Risiken und Gefahren als von Erfolgen. Der Euro wird schlecht geredet. Aber keine Sorge: es gibt weder eine Alternative noch ist er so schlecht wie der Dollar. Das Gerede dämpft den Kurs. Dem deutschen und dem europäischen Export wird somit stark geholfen. Es geht weiter bergauf.

Auch der Fachkräftemangel wird schon wieder vorgeschoben wie vor der Weltwirtschaftskrise. Aber ab sofort können Polen und Tschechen beliebig lange einreisen und arbeiten. Dieses Potential ist nicht zu unterschätzen – von der Pflege bis zum Ingenieur, der noch dazu meist schon deutsch spricht. Schütteln wir die von der NS-Propaganda initiierten Vorurteile gegen diese Völker doch endlich ab. Auch der Fortfall der Wehrpflicht hilft der Wirtschaft beachtlich. Und schreitet nicht ständig die Automatisierung voran?
Wir müssen ihr nur mit einer Qualifizierungsoffensive bei den freigesetzten Arbeitskräften begegnen.

Ernst zu nehmen sind indes knapper werdende Rohstoffe bzw. ihre stark steigenden Preise. Zwar schlagen sie sich in den Endpreisen z.B. eines Handys kaum nieder, doch die Spekulation schafft neue „Blasen“ und destabilisiert die Wirtschaft, ja das ganze Weltfinanzsystem. Zum Einsturz kommt es aber nicht. Viel bedeutender zeigen sich die um 30 % gestiegenen Ölpreise. Bisher haben stark gestiegene Energiepreise immer zu einer Rezession geführt. Der Staat beharrt auf seiner Spanne von 70 % auf die Einstandspreise bei Benzin und Diesel. Mit der politischen Destabilisierung bei den Erdöllieferanten in Nordafrika und Nahen Osten werden die Preise spekulativ deutlich nach oben gehen. Das geht dann zu Lasten des Konsums der privaten Haushalte und setzt energieintensive Branchen bereits unter Druck. Je länger die Krise Bahrein & Co in Beschlag nimmt, umso schneller bremst sich der Aufschwung ab.

Wir müssen aber vor allem auf die USA blicken. Will das Establishment dort Obama abschütteln durch den Versuch, ihn bei der Wiederwahl scheitern zu lassen, so belastet dies die Weltwirtschaft sehr stark. Die Welt-Politik wird in den USA gemacht, nicht unbedingt vom Präsidenten. Und wer glaubt, die Deutschen könnten in die Wall Street/US-Börse einziehen, irrt gewaltig. Auch wenn unsere Politiker so artig zu den USA und Israel sind. In Machtfragen stehen wir außen vor. Auch die Weltkonjunktur wird von der Wall Street bzw. den Hintermännern gelenkt. Es lohnt sich, gewichtigen Stimmen dort genau zuzuhören. Sie haben immer die Rezession rechtzeitig vorhergesagt – und von fallenden Aktienkursen profitiert. Doch zurzeit gibt es noch keine Anzeichen dazu. Es darf Deutschland also weiter wachsen.

Der Krieg in Libyen wird Europa und den Nahen Osten beunruhigen, die Schuldenlast der USA, Großbrittaniens und Frankreichs weiter ansteigen lassen und generell Konsumfreude nehmen. Die Konjunktur in Europa erhält einen Dämpfer.
Unabhängig vom schwindenden Medieninteresse für die japanische Katastrophe wird sie in der Weltwirtschaft zweifellos nachwirken und das globale Wachstum um 1,0 % drosseln. Dennoch sind die Gesamtkräfte robust genug, um den Wachstumstrend aufrecht zu erhalten.


Die Wahl in Baden-Württemberg, das Erstarken der Grünen und die Hektik der Regierung beim Ausstieg aus der Atomenergie fördern nicht das Vertrauen der Wirtschaft in die Politik. Ähnlich wie bei Schröder Rot-Grün-Koalition zieht sich die Wirtschaft lieber zurück und wartet ab. Die CDU-Kanzlerin wird das verspielte Blind-Vertrauen nicht mehr zurück gewinnen können. Ein Destabilisierung der Politik schadet der Wirtschaft.

Fazit:

Die Weltwirtschaft bleibt auf einem robusten Wachstumspfad dank der starken Schwellenländer. Obama versucht, zu seiner Wiederwahl Amerika aus der Lethargie zu holen. Der Einbruch Japans aber kostet Wachstumsprozente, auch wenn Deutschlands Export dorthin eher zweitrangig ist. Die Versorgungsengpässe werden aber schneller geschlossen, als derzeit vermutet. Ungeklärt ist die Schuldenkrise weltweit. Sie bleibt aber ein strategisch langfristiges Problem. Kurzfristig befeuern die neuen Schulden (noch). Mittelfristig nimmt der grüne Siegeszug in den Landesregierungen der Wirtschaft die Vertrauensbasis. Doch per Saldo ergibt sich: Wir wachsen weiter, wenn auch eingebremst.

Die "intend card" tritt ans Licht der Welt

Sie misst die Größe einer Standard-Visitenkarte oder Scheckkarte, zeigt sich auf Karton beidseitig bedruckt und trägt als Information irgendein Anliegen, hinter dem der Übergeber steht: die „intend card“. Sie ist die Entsprechung von Werbung auf Facebook & Co in gedruckter, realer Form. Die intend card wird verteilt wie eine Visitenkarte, der Empfänger steckt sie wegen ihrer geringen Größe bereitwillig ein, liest sie erst genau, wenn er am Abend seine Taschen leert, entdeckt sie neu zwischen den gesammelten Visitenkarten.
Der Charme der intend card liegt aber nicht nur in ihrer Größe. Wenn die „Message“ ansprechend verpackt ist, wird sie nicht so schnell weggeworfen. Mit einer Internetadresse garniert findet sie leicht Platz am Computer. Der Rest der Überzeugungsarbeit kann dann die Homepage übernehmen. Vielleicht ist die intend card deshalb erst in unseren Tagen auf dem Weg, „entdeckt“ zu werden.
Für den Besteller der intend card bietet das Medium minimalste Kosten: Sie ist so klein, dass im jetzigen Digitaldruck Auflagen bis 5000 wirtschaftlich sind. Genug zum 1. Test – praktisch ohne nennenswerten Aufwand. Die Verteilung erfolgt über Mittelsmänner – ohne Entgelt oder bei Großveranstaltungen?/?Messen mit sehr geringem Stückpreis. Die intend card passt als Zugabe in jeden Brief, ohne Portogrenzen zu überschreiten. Natürlich ließe sie sich auch als PDF verschicken. Wegen ihres kompakten Inhalts wird sie auf einen Blick wahrgenommen und gelesen. Vorstand Eduard Kastner, der die intend card definierte: „Wenn sie einmal für sich gesammelt wird ähnlich wie Bierfilze, Orangenpapier, Postkarten oder Briefmarken, quasi als Zeitzeugin, als Miniplakat, dann hat es die intend card geschafft.“
Der englische Name kommt aus der Werbesprache, die eben von Anglismen durchzogen ist, und bedeutet Absichtskarte oder besser: Eine Karte, die etwas bewirken soll. Das kann alles sein: der Kauf eines neuen Buchs, der Besuch einer Veranstaltung, der Hinweis auf eine Fernsehsendung, ein Spendenanliegen, ein politischer Aufruf, eine Wahlempfehlung. Kurzum: das breite Spektrum der Werbung. Sie trägt das Flair einer Internet-Kampagne so wie Obama zur Spende für seinen Wahlkampf aufrief, bleibt diskret, persönlich („unter der Hand“) und ist wegen ihrer Knappheit und geringen Größe viel schneller getextet als ein Flyer, der damit zum „Mercedes der Werbung“ avanciert, aber häufig zerknittert und unansehnlich aus der Hosen¬tasche kommt.

 

Druckkosten von 100 000 intend cards: 800 € zuzgl. MwSt bei fertigen Daten (PDFs).

Alpenresonanzen

Der alpine Massentourismus wäre ohne intensive Werbung nicht zu denken. Traditionelle Werbung hat dabei längst zugunsten medialer Hypes an Bedeutung verloren. Tourismusmanager denken etwa Weltcuprennen als Werbeveranstaltungen. Inszenierte Events, die im besten Fall ein breites mediales Echo finden, dienen weniger dem, was sie vorgeben, nämlich einer wie immer gearteten Unterhaltung. Es sind Werbeveranstaltungen. Und wo immer sich dank solcher Werbung Massen zusammenfinden, sind diese wieder von werbewirtschaftlicher Relevanz. Da sind Menschen zu sehen, die statt von alpiner Landschaft durch zahllose Werbetafeln gerahmt sind. Nicht wenige werden dabei durch Beschriftungen auf ihrer Kleidung selbst zu Werbeträgern. Hechenblaikner hat ein besonderes Gespür für die so entstandenen Texturen. Die Zeichen- und Bildsprache ist dabei stets verkürzt. Sie bezieht sich weniger auf eine wie immer geartete Wirklichkeit, sondern auf mögliche Affektlagen. „Herzlich willkommen“: Nur da findet sich niemand, der einen noch willkommen hieße. Statt dessen leuchtet das Logo einer Biermarke von der Werbetafel. „Promis hautnah“: Dieses Versprechen kommt den Affektlagen des Publikums schon näher. Werbung ist allemal ein Paradox. Stets behauptet sie etwas, das es so nicht gibt, produziert aber gleichzeitig Wirklichkeit. Werbung lebt vom Wiedererkennungswert. Diesen verdankt sie nicht zuletzt der Irritation, dies etwa dann, wenn am Eingang eines Wintersportortes ein Hurra schreiender Elefant zu Begrüßung dient. Was macht es schon, dass in den Alpen zumindest in historischer Zeit keine Elefanten heimisch waren. Werbung karikiert die von ihr behauptete Wirklichkeit oft genug selbst, etwa dann, wenn ein Plakat der Tirolwerbung, welches einen Freestyle-Kletterer in einer menschenleeren Gebirgslandschaft zeigt, neben einem Parkplatz mit abgestellten Autos steht. „So stell ich mir den Sommer vor“: Der Satz erlaubt eine doppelte Lesart, nämlich die der Werbung wie die tatsächlicher touristischer Erfahrung. Uns, die wir längst an Werbung gewohnt sind, fällt Werbung nur noch selten auf. Wir haben uns daran gewöhnt wie die Stadtamsel an den Lärm des Straßenverkehrs. Zur Lektüre von Werbung bedarf es eines geübten Auges. Hechenblaikner, er hat einen Blick dafür, zeigt Werbung oft genug als Bild im Bild. So wird nicht allein der Kontrast zwischen behaupteter und konkreter bzw. produzierter Wirklichkeit offensichtlich, sondern auch die Verweise vom einen auf das andere. Oft genug haben wir es dabei mit unversöhnlichen Nachbarschaften zu tun. Der „Zillertaler Bierstadl“, die Lüftlmalerei zeigt ein Paar in bäuerlicher Tracht, im Hintergurnd alte Bauernhäuser in einer Gebirgslandschaft, nennt sich nun „Korfu – griechisch-italienisches Restaurant“. Dazu fügt sich eine große Werbetafel mit der Aufschrift: „Disco. Table Dance.“ Das unversöhnliche Nebeneinander von heimatlichen Zitaten und Lokalen wie Table Dance-Bars, italienischen, asiatischen oder anderen Restaurants, erweist sich genaugenommen als homogenes Ganzes. Diskos, die sich „Tenne“, „Heustadl“ oder ähnlich nennen, in denen junge Frauen als „Almdirndln“ auftreten, haben nichts mit bäuerlicher Kultur zu tun, und dies auch dann nicht, wurden wurmstichige Bretter und Balken ehemaliger Ställe für die Verkleidung der Räume verwendet. Das Gemeinsame findet sich im Trennenden. Das Dissoziierende ist Ausdruck einer Freizeitwelt, die im Konsum gründet und in der selbst menschliche Beziehungen einzig Warencharakter haben. Ob Architektur, ein Gemisch aus zahllosen Zitaten, oder die Stümmelsprache der Werbung, all dies reflektiert in bester Form die Interaktionen des Massentourismus: „Danke für Ihren Besuch. Bergbahnen Sölden. Rodelhütte. Showgirls. Täglich geöffnet.“ Heute mag sich die Tourismuswerbung mit Hechenblaikners Arbeit schwer tun, aber ich habe keinen Zweifel, dass sich in spätestens zwanzig Jahren die Tirolwerbung seine Arbeit einverleiben wird. Es werden sich Bars finden, an deren Wänden Arbeiten von ihm zu sehen sein werden. Der Abstand zwischen dem Obszönen und dem Gemütlichen ist sehr gering. Das wusste bereits Lichtenberg. Aber dafür müssen die Arbeiten erst etwas Patina ansetzen.

Dr. Bernhard Kathan

 

Ich lernte Lois Hechenblaikner auf dem Wolfsberg kennen – im November 2005, als wir beide an einem Seminar mit dem verheißungsvollen Titel „Fotografie im Jahr 2015“ teilnahmen. Beim Mittagessen kamen wir ins Gespräch – und fanden schnell ein gemeinsames Thema: Wir unterhielten uns über die Verführbarkeit der Menschen – über die Verführbarkeit infolge von etwas, das schon die Griechen als das typischste menschliche Charaktermerkmal identifizierten, nämlich infolge des Immer-noch-mehr-haben-Wollens, der ‚pleonexia’. Alles, was ein Mehr an Sinn, Freiheit, Erlebnis, Ansehen oder Vermögen verspricht, lockt und macht nicht selten auch blind.
Während mich damals beschäftigte, mit welch hohen Erwartungen sich viele Menschen für Kunst interessieren, ja wie sie die Kunst mit übergroßen Ansprüchen überfordern, von ihr Heil und Erlösung, Stimulation und Therapie auf einmal verlangen, geht es Lois Hechenblaikner um die Sehnsüchte, die auf Urlaub und Freizeit projiziert werden. Er erforscht, wie der Tourismus zu einer maßlosen Unterhaltungs- und Sinnstiftungsindustrie wurde – und was das für die Regionen bedeutet, in denen er sich abspielt. Ihn interessieren die Deformationen der Menschen und Landschaften, die in den Strudel des Tourismus geraten.
Selbst in Tirol aufgewachsen, erlebte er schon als Kind und Jugendlicher die ersten Tourismuswellen, die infolge des Wirtschaftswunders ab den späten 1950er Jahren über die Alpentäler hereinbrachen. Nachdem er dann fast zwei Jahrzehnte lang als Fotograf durch viele Länder gereist war, kehrte Lois Hechenblaikner Mitte der 1990er Jahre in seine Heimat, nach Tirol, zurück. Was er dort vorfand, entsetzte ihn, machte ihn traurig und wütend – und ließ ihn fortan nicht mehr los. Seither dokumentiert er, auch unter großen persönlichen Opfern, die Zumutungen und Zurichtungen, denen seine Heimat ausgesetzt ist. Doch ist Lois Hechenblaikner – das sei gleich warnend vorausgeschickt – kein einfacher Kulturpessimist oder Antimodernist, der nur die Gegenwart schlimm findet und die Vergangenheit verklärt. Vielmehr trauert er über die Veranlagung der Menschen – über jenes Immer-noch-mehr-haben-Wollen, den maßlosen Sinn- und Erlebnishunger – ganz allgemein. Da er aber zugleich viel Herz und auch Humor besitzt, ist er kein verbitterter Rechthaber; vielmehr sucht er Sujets und macht er Bilder, bei denen sich das Bittere durchaus komisch zeigt – so wie bei einem Anschlag in einem Schaukasten eines Hotels, der eine unberührte Bergwelt verheißt, aber an eine Karte angepinnt ist, die gerade zeigt, wie viele Seilbahnen, Sessellifte und Pisten die Berge durchziehen.
Lois Hechenblaikners Naturell ist also durchaus vergleichbar mit dem seines Landsmanns, des Schriftstellers Thomas Bernhard. Beide sind, so sehr sie als Misanthropen erscheinen mögen, vor allem auch Humanisten. Sie hadern mit der Konstitution des Menschen und arbeiten dagegen an, so als hofften sie, es lasse sich doch noch etwas verbessern.
Am besten kommt das Naturell von Lois Hechenbaikner in einer Serie zum Ausdruck, von der er mir bei jenem ersten Mittagessen vor dreieinhalb Jahren ebenfalls bereits erzählte – und von der er mir einige Beispiele auch gleich zeigte, die mich sofort stark beeindruckten. Es handelt sich dabei um Gegenüberstellungen, an denen er seit dem Jahr 2000 arbeitet. Dabei präsentiert er jeweils ein Bild in Schwarz-Weiß – meist ein Foto aus dem Nachlass des Agraringenieurs Armin Kniely, der zwischen den 1930er und 1960er Jahren fotografierte – neben einem Farbbild, das er selbst fotografiert hat. Die unterschiedlichen Entstehungszeiten der Bilder sind damit bereits auf den ersten Blick erkennbar und auch Thema: Lois Hechenblaikner geht es darum, sichtbar zu machen, wie sich eine Region – fast alle Motive stammen aus Tirol – innerhalb von nur zwei Generationen verändert hat. Wo man auf den älteren Schwarz-weiß-Bildern noch Bergbauern bei ihrer mühsamen Feldarbeit sowie ein ritualisiertes Brauchtum sieht, dominieren mittlerweile der Tourismus und die Formate der Eventkultur. Doch statt nur einen Strukturwandel festzuhalten, besteht Hechenblaikners besondere Fähigkeit darin, in jeder Gegenüberstellung zwei formal analoge Szenerien aufeinander zu beziehen. Damit aber werden seine Bildpaare zu Pendants, ja die beiden Bilder haben trotz aller Unterschiede jeweils genügend Gemeinsames, um zum Vergleich herauszufordern.
Die Gattung des Pendants war vor allem im 17. und 18. Jahrhundert sehr beliebt. Bei ihnen werden jeweils zwei Bilder zusammenfügt, die ein verwandtes Sujet zeigen, es aber unterschiedlich behandeln, also aus jeweils anderer Perspektive, in verschiedenen Stimmungen oder mit wechselnden Konnotationen darstellen. Während Künstler wie Claude Lorrain oder Caspar David Friedrich viel mit Pendants arbeiteten, wurden sie oft gar nicht von den Künstlern selbst zusammengestellt; vielmehr arrangierten Druckgraphiker sie für den Verkauf. Sie erkannten nämlich, dass sich Kupferstiche oft besser paarweise als alleine verkaufen ließen, weil sie dem Publikum dann mehr Stoff zum Räsonieren boten. So wurde es sogar üblich, Stiche von Werken verschiedener Künstler zu kombinieren, und selbst Bilder, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden waren, ließen sich als Pendants vereint wiederfinden.
Hechenblaikners Bildpaare gehen hingegen immer über das bloß Assoziative hinaus, sie entwickeln die Form des Pendants weiter. So empfindet man seine Pendants als geradezu unheimlich – als unglaublich und grotesk –, weil die von ihm entdeckten Ähnlichkeiten so stark sind. Daher überlegt man auch, ob es sich bei den Farbfotos nicht vielleicht um direkte Remakes der Schwarz-weiß-Motive handelt. Doch ist schnell zu erkennen, dass Lois Hechenblaikner seine Bilder nicht eigens inszeniert: Da fast immer Menschen, nicht selten sogar größere Gruppen darauf zu sehen sind, wäre es zu aufwendig, für einen einzelnen Fotografen gar unmöglich, die Szenen zu stellen. Vielmehr ist es Hechenblaikners hervorragendem Bildgedächtnis zu verdanken, wenn er bei seinen Streifzügen durch das Land immer wieder Situationen entdeckt, die denen auf alten Fotos genau entsprechen: Wie einst ein Bauer sein Feld bewässerte, so schießt man jetzt Schnee aus Kanonen, die Stecken, um die man früher das Heu zum Trocknen wickelte, ähneln verblüffend Handy-Masten, und wo die Landwirte einst stolz ihre Schafe präsentierten, posieren heute Golfspieler mit ihren Trolleys.
Die Botschaft der Pendants ist somit eine doppelte: Sie künden sowohl von den gewaltigen Umbrüchen in den Alpen in den letzten Jahrzehnten als auch davon, dass alle Veränderungen doch nur scheinbar sind, ja dass sich lediglich die Hüllen und Akzidenzien gewandelt haben, in denen dieselben Muster geradezu zeitlos zur Geltung kommen. Das Spiel von Identität und Differenz, das Lois Hechenblaikner mit jeder Gegenüberstellung auf die Spitze treibt, eröffnet für weitere Reflexion den Raum. Man kann entweder darüber sinnieren, wieso sich zwei vermeintlich so unterschiedliche Lebenswelten wie Landwirtschaft und Tourismus, Religion und Sport, Brauchtum und Kommerz in so ähnlichen Bildformeln ausdrücken. Oder man geht der Überlegung nach, wie sich eine Region innerhalb kurzer Zeit so stark verändern konnte, dass alle Tätigkeiten und Situationen komplett durch andere Tätigkeiten und Situationen ersetzt wurden. Ist also einmal die Ähnlichkeit des Unterschiedlichen das Faszinosum, so das andere Mal die Andersheit des Gleichen.
In einem unveröffentlichten Text spricht Lois Hechenblaikner selbst davon, durch die Bildpaare solle „im Kopf des Betrachters ein so starkes drittes Bild entstehen, dass ihm förmlich ‚das Licht aufgeht’“. Doch sind es – je nach Interesse, Haltung und Vorbildung – durchaus unterschiedliche Lichter, die aufgehen können. Während Hechenblaikner die Gegenüberstellungen zuerst mit dem Ziel anlegte, die Veränderung Tirols und des Alpenraumes als Verlustgeschichte zu erzählen, ist es mit ihnen genauso möglich, die verschwundene Welt nachträglich zu dekonstruieren und infragezustellen. Lässt der Wechsel vom Schwarz-weiß zur Farbe einerseits den Schluss zu, dass sich in der Gegenwart eine brutale Marktlogik durchgesetzt hat, derzufolge alles mit möglichst starken Reizen – mit Grellheit und Obszönität – auf sich aufmerksam macht, so kann man daraus andererseits also auch die Mahnung ableiten, auf das Vergangene nicht nur deshalb sentimental zu blicken, weil es durch die einheitliche Tönung verfremdet erscheint. Obwohl das Leben der Bergbauern, ihre familiäre Bindung, ihr Gottvertrauen und ihre dem Rhythmus der Jahreszeiten gehorchende Arbeit idyllisch wirken mag, könnte das alles vielmehr ähnlich – genauso? – derb, banal und kalt gewesen sein wie die heutige von Unterhaltungsindustrie, Animiergewerbe und Konsum bestimmte Welt des Massentourismus. Oder muss es sich doch eindeutig um einen Verfall handeln, wenn allenthalben natürliche Materialien durch Kunststoffe ausgetauscht, freie Blicke durch Werbetafeln verstellt, beschauliche Szenerien von Massenevents abgelöst, Ernst und Strenge durch Albernheit und Ausgelassenheit ersetzt wurden? Aber ist es nicht auch ein Zeichen von Freiheit und Wohlstand – und damit sogar ein Fortschritt –, wenn die Menschen ihre Launen heute ausleben können und nicht länger ein enges, von Armut und Notwendigkeiten bestimmtes Leben führen müssen?
Selbst wenn man klar für eine Deutung optiert und sich entweder als Kulturpessimist oder aber als Fürsprecher einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit verschiedener Epochen bekennt, kann man die jeweils alternativen Interpretationen wohl nie ganz ausblenden. Je besser ein Bildpaar ist, desto stärker sind vielmehr zugleich die jeweils anderen Sichtweisen präsent. Es gehört sogar gerade zum Wesen von Pendants (wie ihr Name, abgeleitet vom lateinischen ‚pendere’, bereits verrät), zu einem Abwägen zu verleiten und feste Positionen in die Schwebe zu bringen. Daher sind Pendants die ideale Bildform für Skeptiker, die sich ungern festlegen und immer gerne mindestens eine zweite Sichtweise parat haben. Und sie sind ideal für einen Menschen wie Lois Hechenblaikner, der – wie bereits angedeutet – misanthropische und humanistische Tendenzen in sich vereint, dessen Welt- und Menschenbild keiner simplen Kategorisierung entspricht, der hadert, hin- und hergerissen ist und damit die emotional anstrengendste, ja anspruchsvollste Variante eines Skeptikers verkörpert.
Dazu gehört bei ihm auch, dass er nicht einfach nur fotografiert, sondern ebenso recherchiert, den Phänomenen, die er sieht, auf den Grund geht, ja wie ein investigativer Journalist, ein Ethnologe oder Kulturwissenschaftler agiert, um auch das sichtbar zu machen, was sonst verborgen bleibt – um Zusammenhänge zu rekonstruieren – um voreilige Schlüsse zu verhindern – um ergänzende Aspekte beizutragen. Wie gut man Lois Hechenblaikner als Aufklärer mit Großbildkamera bezeichnen könnte, machen andere seiner Serien deutlich – am besten vielleicht eine, die Après-Ski-Stadln gewidmet ist, welche seit rund zwei Jahrzehnten am Rande der Pisten boomen.
So urig die Schankräume inszeniert sein mögen, um den Gästen mit holzvertäfelten Wänden oder geschnitzten Möbeln den Eindruck einer authentischen Wirtskultur zu suggerieren, so anders wird das Bild, wenn man sich in die Keller dieser Stadl begibt. Sie sind technisch-clean, vor allem aber voll mit Schläuchen in verschiedenen Farben, sauber verlegt wie Elektroleitungen in einem Maschinenraum, manchmal auch zu einem riesigen Kabelsalat ineinander verknäult. So kompliziert stellt man sich die Apparaturen eines Teilchenbeschleunigers vor – dabei geht es doch nur um Bier und Jagatee, Glühwein und Wodka. An Getränke denkt man hier freilich nicht, vielmehr fragt man sich bei Betrachtung der Fotos, mit was die Gäste eigentlich abgefüllt werden. Wären die Schläuche nicht an einer zentralen Schalttafel beschriftet, vermutete man sogar Chemikalien in ihnen, zumal sie aus Tanks und Kanistern kommen. Oder man fühlt sich an Intensivstationen erinnert (die solche Après-Ski-Stadl für manchen auf ganz andere Weise auch sein mögen).
Dass Gastronomie und Tourismus vor allem eine Frage der Logistik sind, wusste man zwar bereits, doch wurde es nur selten so anschaulich wie auf diesen Fotos. Und obwohl sich wohl niemand der Illusion hingibt, die bäuerliche Dorfschenkenatmosphäre, die man 'oben' erlebt, sei echt, hätte man doch nicht erwartet, als Gast so sehr verwaltet zu werden: Computergesteuerte Messsysteme im Keller halten genau fest, wie viel jeweils konsumiert wird, und um keine unkontrollierten Abflüsse zu haben, arbeitet man sogar – wie ein Foto beweist – mit Lecksuchspray. So viel Pragmatismus ist auch nachvollziehbar, allerdings verdirbt es die Laune, wenn man ihn vor Augen geführt bekommt.
Was Hechenblaikner macht, erinnert daher auch an die Praktiken antiker Philosophen: Um ihre fleischliche Lust zu zügeln, übten sie sich bekanntlich darin, beim Anblick einer schönen Frau an ihre Eingeweide zu denken; schlagartig verschwand jegliches Begehren. Hier zeigt sich erneut der Skeptiker, der einen Eindruck zum Kippen bringen kann, eine Kehrseite entdeckt und so insgesamt eine Ambivalenz, eine Unsicherheit erzeugt und damit auch andere zumindest zum Zweifeln bringt. In seiner gesamten Arbeit geht es Lois Hechenblaikner darum, solche Kehrseiten – die dünne Oberfläche des schönen Scheins – aufzuzeigen. Besonders großartig gelingt das in einer weiteren Serie, auf die ich abschließend kurz eingehen will.
So sammelt Hechenblaikner jeweils am Ende der Wintersaison den Shredder kaputtgegangener Skier. Man kann noch ihre bedeutungsstarken Namen lesen – Big Bang oder Kamasutra –, die siegreiche Abfahrten, Powererlebnisse, erotische Höhepunkte oder andere positive Ausnahmezustände suggerieren und die jenem Immer-noch-mehr-haben-Wollen genau entsprechen. So wie Hechenblaikner die Skier fotografiert, stehen die verheißungsvollen Namen und Designs sogar im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dennoch: zugleich ist offensichtlich, dass diese Skier alle nur noch Müll sind, untaugliche Bruchstücke. Man sieht, dass sie lediglich aus lackiertem Holz oder ein paar Kunststoffschichten bestehen, ja wie profan sie eigentlich gemacht sind – wie sehr die Warenästhetik nur eine Applikation ist. So wird deutlich, dass die Konsumkultur nur um Placebo-Effekte bemüht ist und dass die Wirkversprechungen keine reale Basis etwa in besonderen Werkstoffen besitzen. Komischer und schlagender könnten die Fiktionswerte der Konsumkultur wohl kaum vorgeführt werden.
Hier wie auch sonst spürt man hinter dem genauen und analytischen Blick, den Hechenblaikners Fotos auszeichnen, aber auch den Zorn eines Enttäuschten. Und wer Lois Hechenblaikner etwas besser kennt, weiß auch, dass er besonders oft und gerne einen Satz von Henri Cartier Bresson zitiert: „Fotografie ist eine Art zu schreien“ – sagte dieser. Tatsächlich sind Hechenblaikners Bilder auch Schreie – die Schreie eines, der so gerne eine schöne, eine in Würde belassene Welt aufnehmen würde, der aber immer wieder nur erkennen muss, wie gerade eine im Namen des Schönen agierende Tourismusindustrie so vieles zerstört und entwürdigt.

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

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